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Ich hab jahrzehntelang eine Lüge gegessen — Scheibe für Scheibe

Bowl mit Quinoa, Rotkohl, Avocado und Seidentofu-Erdnuss-Sauce

Silvester, ich bin achtzehn, irgendwo zwischen zu viel Alkohol und den Backstreet Boys und einem Vorsatz, der sich größer anfühlt als er war. Ich beschließe, vegetarisch zu leben. Kein Erlebnis davor, kein Bild, das mich umgehauen hat — nur das Gefühl, dass ich gegen etwas sein will, und Fleisch ist gerade das Naheliegendste. Für ein Jahr ernähre ich mich vegetarisch, zur großen Verwunderung meiner Familie und sicher oft auch mit Unverständnis. So schnell es kam, war es aber auch wieder vorbei. Grillabende waren bei uns die Regel, nicht die Ausnahme, und in einem Umfeld, das sich mit der Frage nie beschäftigt hat, verläuft eine Überzeugung ohne Fundament irgendwann einfach im Sande. Ich sage das nicht als Vorwurf. Keiner von uns hatte das Wissen, das es gebraucht hätte, um daraus mehr zu machen als eine Trotzreaktion.

Was mir damals fehlte, war nicht der Wille. Es war die Trennung, die uns beigebracht wurde, bevor wir überhaupt fragen konnten. Ein Preisschild verrät nichts über die Fabrik dahinter. Die Scheibe Schinken auf dem Brot verrät genauso wenig über das Tier. Wir haben gelernt, Fleisch als Produkt zu sehen, als Ware im Kühlregal, nicht als das, was übrig bleibt, wenn ein fühlendes Lebewesen geschlachtet wird. Die Verpackung hilft kräftig mit: glückliche Kühe auf grüner Wiese, ein Siegel mit einem Herz drauf, das Wort Tierwohl in einer Schrift, die nach Vertrauen aussieht. Ich hab mir das mal genauer angeschaut. Ein Schwein bekommt bei der besseren Haltungsstufe „Stall+Platz“ gerade mal 0,94 Quadratmeter statt 0,75 — das ist der Unterschied, für den das bessere Siegel klebt. Aus den zwei schlechtesten Haltungsformen kamen 2024 noch acht von zehn Packungen im Handel, Bio, das Einzige, was wirklich mehr bedeutet, lag bei gut sechs Prozent. Das verpflichtende staatliche Kennzeichen, das das endlich ehrlich machen soll, kommt frühestens im Januar 2027, vorerst nur für frisches Schweinefleisch aus deutscher Haltung — und der Termin wurde schon mehrfach verschoben. Bis dahin kauft man ein gutes Gefühl, kein besseres Leben für das Tier. Und was hilft ein besseres Leben, wenn es nur dazu gedacht ist, möglichst schnell wieder auf grausame Weise beendet zu werden?

Zurückgefallen bin ich nicht wegen eines Arguments, das mich überzeugt hätte. Ich bin zurückgefallen, weil ich gerne und gut esse, und weil gewohntes Essen einfacher ist als neues. Dann ist da noch etwas Größeres, das ich erst im Rückblick verstehe: Ich bin Ende der Siebziger geboren, mitten rein in eine Generation, die nie gelernt hat, Fleisch zu hinterfragen, weil unsere Eltern selbst noch den Mangel kannten. Nach dem Krieg stieg der Schweinefleischkonsum in Deutschland innerhalb von zehn Jahren von neunzehn auf fast dreißig Kilo pro Kopf — eine regelrechte Fresswelle, nachdem jahrelang zu wenig da war. Was für unsere Eltern noch ein bewusstes Wohlstandssignal war, war für uns einfach nur Alltag, nie hinterfragt, nie entschieden. Dazu kommt: kein Internet, keine Möglichkeit, dem, was auf der Packung stand, irgendetwas entgegenzusetzen außer dem eigenen Bauchgefühl. Wir sind mit mehr Freiheit aufgewachsen als die Generationen nach uns, und mit weniger Kontrolle — genau diese Sorglosigkeit hat sich aufs Essen übertragen. Ich habe danach Jahrzehnte gelebt, ohne mir über meine Ernährung auch nur einen ernsthaften Gedanken zu machen. Nicht schleichend zurückgerutscht — komplett zurück, und dann einfach: gedankenlos.

Was mich da rausgeholt hat, steht woanders schon aufgeschrieben — der Tag mit dem Müllsack, an dem mein Partner und ich alles mit Industriezucker aus der Küche geworfen haben. Was ich hier ergänzen will, ist ehrlicher als mir lieb ist: Der Weg zu weniger Fleisch war am Anfang ein Nebenprodukt davon, nicht das Ziel. Wurst enthält fast immer Zucker, Fertigprodukte sowieso — beim großen Rausschmiss flog beides gemeinsam aus dem Schrank, ohne dass ich das als Entscheidung gegen Fleisch getroffen hätte. Der eigentliche Auslöser war etwas anderes: das Aneignen von Wissen, was Lebensmittel überhaupt mit meinem Körper machen. Und das, zugegeben, aus einem sehr egoistischen Antrieb. Erst als ich verstanden habe, was schlecht für mich ist, habe ich angefangen, an die Tiere zu denken, die dafür sterben. Ich will das nicht schönreden. Es ist auch das Ergebnis derselben gesellschaftlichen Scheuklappen, die ich oben beschrieben habe — wer Fleisch sein Leben lang nur als Ware gelernt hat, denkt beim Einkaufen zuerst an sich, nicht an das Tier. Geholfen hat dabei auch nicht nur die eigene Recherche: Social Media hat in den letzten Jahren gezeigt, was hinter den Kulissen der Tierhaltung wirklich passiert — echte Bilder statt der Kuh von der Verpackung. Das hat nachgewirkt, auch wenn der erste Anstoß woanders lag. Am Ende war es wie beim Gewicht: Die Veränderung kam nicht, weil ich sie mir vorgenommen hatte, sondern weil ich angefangen habe, überhaupt hinzuschauen.

Bowl mit Quinoa, Rotkohl, Avocado und Seidentofu-Erdnuss-Sauce

Heute sieht meine Küche anders aus, und nicht, weil ich mir etwas verbiete. Ich probiere Dinge aus, einfach aus Neugier: eine cremige Sauce mit Seidentofu statt Sahne, Leberwurst aus Räuchertofu und Kidneybohnen, die geschmacklich kaum vom Original zu unterscheiden ist. Eine Tomatensauce mit Tofu, Nori und Kapern kommt einem Thunfisch-Sugo erschreckend nah. Zum Frühstück gibt’s oft einen Burrito mit Bohnen oder Hummus und Quinoa, oder Haferflocken, als Snack Bananenbrot mit Sojajoghurt statt Butter. Tofu ist inzwischen so selbstverständlich in meiner Küche wie früher die Sahne. Ich ersetze dabei nicht in erster Linie — ich probiere aus. Schmeckt’s, super. Schmeckt’s nicht, dann eben nicht.

Rückfälle gibt es bei mir nicht, weil sich das Wort für mich nach Zwang anhört, und ich zwinge mir nichts auf. Aber wenn ich heute an der Fleischtheke im Supermarkt vorbeigehe, ekelt mich der Anblick fast schon. Ich sehe nicht mehr nur Scheiben Schinken. Ich sehe zerlegte Körper von Tieren, mundgerecht zurechtgeschnitten für jemanden, der genau das nie sehen sollte.

The Geisha Letter

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