inner arts
96 Kilo — und keine Waage im Haus

Auf den Bildern aus dem Urlaub kam die Erkenntnis — ich war einfach fett geworden. Wir waren in Italien im Urlaub, es war warm. Ich liebe die Hitze, je heißer desto besser. Aber irgendwie merkte ich schon, dass sich etwas verändert hatte. Ich hatte Probleme, mir die Schuhe zuzumachen, und meine Sachen saßen alle — na ja, sagen wir: tight.
Auf diesen Bildern habe ich mich nicht mehr selbst gesehen, das Bild, das ich von mir hatte, war ein völlig anderes. Natürlich schaue ich in den Spiegel, aber in diesem Moment habe ich tatsächlich die Realität gesehen.
Ich esse gerne, ich koche gerne und das auch immer sehr gehaltvoll — Pasta, Käse, Butter, am besten in großen Mengen. Sonst schmeckt es ja nicht, hat meine Oma schon immer gesagt.
Aber diesmal war ich einfach wirklich massig geworden. Schleichend, nicht über Nacht, aber so hat es sich angefühlt.

Ich hatte mein ganzes Leben mit meinem Gewicht zu kämpfen und dabei alles mitgemacht, was so kursiert — von Keto bis FDH — aber ich habe mich dabei nie wirklich mit meiner Ernährung beschäftigt, immer nur versucht, an den Symptomen zu schleifen. Das war vielleicht auch der Grund, warum das Gewicht so schleichend kam, denn dem Umfeld fällt das nicht auf, wenn es langsam geht, und man selbst sieht es auch nicht, weil man die Hosen einfach größer kauft und sich damit arrangiert. Selbst als Kind war ich oft total frustriert, wenn ich mit meiner Mutter Hosen kaufen musste — entweder zu eng oder viel zu lang — aber früher hat eine Woche weniger essen gereicht, um ein paar Kilo zu verlieren und sich wieder gut zu fühlen. Dieses Ping-Pong-Spiel wird mit dem Alter schwieriger, das Leben ändert sich, die Bewegung wird weniger, und irgendwann hält man an jedem Bäcker auf dem Weg zum Termin, weil es sich so eingeschliffen hat. Gedankenlos. Kein Bewusstsein für Ernährung, kein wirkliches Bewusstsein für den eigenen Körper — vielleicht aus der Hilflosigkeit, nicht zu wissen wie man es ändern soll, oder der Angst, nicht die Disziplin aufzubringen. Im Nachhinein fehlte aber nie die Disziplin. Das Problem war: Ich wusste nicht, wofür ich sie aufbringen soll.
Ich habe nie eine Waage besessen und mein Gewicht immer nur nach Gefühl und Passform abgeschätzt, ein paarmal im Jahr beim Arzt, wenn ich mich habe durchchecken lassen — so auch nach dem Italienurlaub 2024. Knapp 95 Kilo. Ich wusste, dass ich gerade ein bisschen proper bin, aber das war ein neues Level, und diesmal nicht mehr nur eine Zahl auf der Waage. In meiner Familie sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes vorhanden, und mein Arzt machte deutlich, dass ich gerade in meinem Alter und mit dieser erblichen Vorbelastung an einem Punkt war, wo es wirklich um meine Gesundheit ging — ja, vielleicht um mehr als das. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich dieser Moment anfühlt. Ein bisschen so, wie in kaltes Wasser gestoßen zu werden, den ganzen Körper durchfährt ein Schock und die Realität wird einem ins Gesicht geklatscht — nicht mit Samthandschuhen, roh und ziemlich brutal. Ich hatte es nie wirklich geschafft, das zu ändern, aber jetzt musste ich es, und mein Arzt konnte mir dabei auch nur Tipps geben. Ich musste mich unverblümt meiner Ernährung stellen — auch der falschen Selbsteinschätzung: Ich esse eigentlich gar nicht so viel. Was nur zum Teil richtig war — ich habe vor allem das Falsche gegessen.
Mir war schon vor dem Arztbesuch bewusst, dass ich etwas tun muss, und der Plan war eigentlich nur, ein bisschen weniger Süßigkeiten zu essen — da „ein bisschen“ in meinem Fall allerdings relativ war, weil ob Tafeln Schokolade, Tüten Lakritz oder Päckchen Erfrischungsstäbchen: alles nur in Packungsportionen, aufmachen, vernichten. Mir war aber bewusst, dass das nicht mehr reichen würde, dass es wieder nur ein paar Kilos wären, die nach zwei Wochen Verzicht und dann zurück im alten Trott wahrscheinlich doppelt wiederkommen.
Also musste der Schritt drastischer sein, und da ich immer mal wieder gelesen hatte, dass ein Leben ganz ohne Industriezucker möglich ist, war das in diesem Moment der Panik der einzig mögliche Schritt für mich. Noch am gleichen Tag, als ich vom Arzt nach Hause kam, habe ich einen Müllsack genommen und alles entsorgt, was Industriezucker enthielt — ja, wirklich alles — und erst dabei gemerkt, wie viel das war, weil so gut wie alles, was wir zu Hause hatten, Zucker enthielt. Da war ich nun mit leeren Schränken und der Entscheidung, auf das zu verzichten, was in allem enthalten ist. Warum, verdammt, ist in allem Zucker? Und was esse ich jetzt?
Ich fing also an, mich eingehender mit dieser Entscheidung auseinanderzusetzen, und das war, glaube ich, im Nachhinein der wirkliche Wendepunkt — weil die Wochen, die dann kamen, nicht ganz einfach waren.
Die Recherche und das Aneignen von Wissen wurde in dieser Phase meine Hauptaufgabe, und unbewusst habe ich mich damit sehr gut selbst überlistet, weil der Verzicht irgendwann nur noch eine logische Konsequenz war und kein Kampf mehr. Die ersten zwei Wochen waren trotzdem wirklich schwer — Heißhunger und das Verlangen nach etwas Süßem waren an manchen Tagen quälend, ich fühlte mich fast krank mit Kopfschmerzen und Schweißausbrüchen. Aber der Zeitraum, in dem das so war, war — und das ABER ist wirklich groß — sehr kurz. Gegen Ende der zweiten Woche fingen Veränderungen an, die mich aufhorchen ließen: ich schlief besser, das Energietief, das mich jeden Vormittag um elf zuverlässig erwischte blieb plötzlich aus, und ich war den ganzen Tag konstant wach und fit auf eine Art, die ich nicht kannte. Ich kaufte mir eine Waage und fing an, mich täglich zu wiegen — nicht aus Angst, sondern aus Neugier. Die ersten Kilos gingen schnell, dann stetig. Das war der Start für die Reise, die ich seitdem gehe, und jetzt, zwei Jahre später, bin ich bei 73 kg. Diese zwei Jahre waren absolut keine Qual, keine Odyssee aus Verzicht.

Ich denke heute nicht mehr groß über mein Gewicht nach, eigentlich genauso wenig wie früher — trotzdem wiege ich mich jeden Morgen, es gehört zur Morgenroutine, keine Angst mehr vor der Zahl, kein Verhandeln mit dem Spiegel. Was sich wirklich verändert hat ist nicht die Zahl, sondern mein Bewusstsein für Ernährung und mein Geschmack: Dinge, die ich früher geliebt habe, schmecken mir heute zu süß, zu aufdringlich, und ich esse immer noch gerne und gehaltvoll, ich bin nach wie vor ein Genießer. Dass ich abnehme und mein Gewicht sich in einem normalen Bereich einpendelt, ist nur der Nebeneffekt — das war nie der Plan. Heute folge ich meinem Geschmack. Und nicht mehr einer Sucht.